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Gedichte von Kai Pohl (2007, Krash Neue Edition im Stahl-Verlag)


IN GEDANKEN – TEXTE

IN ZEITLUPE UND VOM

FLIESSBAND


Zu Kai Pohls Buch „Öffnen + Schießen“

Der unverdient ruhmarme Kölner Stahl-Verlag hat endlich ein Buch von Kai Pohl veröffentlicht! Es enthält ca. 50 ausgewählte Poeme (1989 – 2006) und erscheint in der Reihe Krash Neue Edition: handliche, 80-seitige, schlicht-schöne Bücher mit einem roten Punkt auf dem Einband, der, seines japanischen Bezugs wegen, stört.

Kai Pohl, 1964 in Mecklenburg geboren, beruflich als Dreher, Heizer, Fahrer, Gestalter und bildender Künstler unterwegs, schreibt seit Mitte der Achtziger. Von etwa ’92 bis 2000 legte er eine Pause ein. Er veröffentlichte in Samisdat-Heften, Anthologien und Zeitschriften – Lyrik wurde erstmals in der jungen Welt publiziert. Der hier von Enno Stahl herausgegebene und von Bert Papenfuß mit einem Nachwort versehene Band gibt einen chronologisch gelisteten Einblick in Kai Pohls dichterisches Schaffen.

Zu Beginn stehen Texte aus der Vor- und Nachwendezeit, die einerseits von Brinkmann und westdeutschen Beatniks geprägt scheinen, andererseits durch starke Naturverbundenheit auffallen. In der Regel unruhige, neugierige Eindrücke und Reflexionen über Landschaftliches und Zwischenmenschliches. Man befindet sich in einer abwesenden, gedankenversunkenen Dauerblase, in der das Leben wie in Zeitlupe abläuft. Dabei entsteht eine Form von Wachsamkeit für Details, aus der man nur selten auffährt und dann ist „alles [...] verändert, / bevor du etwas bemerkst. und du / wunderst dich auch nicht, / daß du antwortest: / von jedem eins, als die / Verkäuferin fragt, ob du / das T-Shirt in Weiß, / Gelb oder Blau / möchtest.“

Nach dem ersten Drittel des Buches spürt man den Bruch. Es folgt Aktuelleres aus diesem Jahrtausend. Die Hälfte der verbleibenden Texte sind akribisch angefertigte Internet-Cut-ups. Das bedeutet, der Autor gibt bei google ein bestimmtes Wort oder eine Wortgruppe ein und besieht sich anschließend, was das Programm ausspuckt. Die Arbeit besteht nun in der Kombination dieses Auswurfs. Einerseits ist dies eine aufregende, relativ neue Art zu texten, andererseits geht das Serielle schnell auf den Keks. Wir sind eben Menschen und keine Maschinen; oder ist sich der Autor da nicht so sicher? „Danke für trockene und sensible Haut / [...] danke für extra Volumen / [...] danke für mehr Beinfreiheit / [...] danke für american cookies / [...] danke für ein gutes Gefühl ab 79 Mark 80“ ...

Ist sowohl früheren als auch neueren Texten ein grundsätzliches Umweltbewußtsein eigen, beschränkt es sich anfangs auf unauffällig-alltägliche oder persönliche Begebenheiten. Die neueren Texte dagegen sind nicht nur formal oft extrem, auch hat sich der Fokus geweitet. Die Sprache ist gereizt bis aggressiv oder der Autor führt uns den eigenen Stumpfsinn, unsere Feigheit und unseren Konformismus vor Augen. Kurz: Die Texte bekommen eine politische Dimension. Lebendig gehalten wird das Ganze durch melancholisch-resignative Flaschenbotschaften oder durch verstiegenen Witz: „INFRAROT / laß es laufen / es läuft von allein / gott sieht alles / auch die hände unterm wasserhahn“.

Aus Kai Pohls Texten spricht eigentlich keine große Lust auf Radikalität, eher die zunehmende Einsicht, daß radikale Probleme einer radikalen Änderung bedürfen. Daß das gezeichnete Bild teils düster ist, liegt daran, daß der Autor schreibt, was der Pinsel hergibt. Man sagt, der Text wisse oft mehr als der Autor. Die Aufgabe des Dichters bleibt es, sich seiner Dichtung zu stellen.


[ Alexander Krohn, in: junge welt, 7.10.2008 - 18.11.2008 ]



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